Interview – was erwartet die Teilnehmenden der 23. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Systemischen Gesellschaft in Dresden?

Frau Dr. Gila Klindworth – Geschäftsführerin der Systemischen Gesellschaft – führte ein Interview mit Herrn Prof. Dr. Stachowske (ImFT), das im Newsletter September 2015 der SG veröffentlicht wurde.

Herr Stachowske, auf der Tagung des Instituts für mehrgenerationale Forschung und Therapie gibt es sehr unterschiedliche Themen. Wie hängen diese inhaltlich zusammen?

Wir haben bewusst diese unterschiedlichen Themen gewählt, weil wir denken, dass im Handeln mit systemischen Schwerpunkten immer wieder Themen durchschimmern, die eine große Bedeutung haben, die aber bislang auch in der systemischen Landschaft nur am Rande angeschaut wurden. So gehen wir davon aus, dass das Leben schon weit vor der Geburt beginnt, und sich somit wesentliche Entwicklungen bereits während der ganzen Schwangerschaft vollzogen haben. Wir würden gern lernen, was es heißt, wenn Menschen z. B. in der pränatalen Entwicklung eine Traumatisierung erlebt haben, wie wirkt sich das aus für die vielen ADHS-Kinder, für Lernstörungen usw., wo sind die Zusammenhänge? Oder wir erleben in den Familienrekonstruktionen immer wieder die Bedeutung der Zeitgeschichte als wesentlichen Einflussfaktor und wir wollen lernen: Wie wirkt das Früher im Heute?

Wir denken außerdem, dass eine neue Anforderung auch auf die Systemiker_innen zukommt, weil wir durch die vielen Flucht- und Kriegsmigrationsbewegungen noch in einer ganz anderen Weise mit Traumata zu tun haben werden, als wir das in der Vergangenheit hatten.

Werden die Themen aus systemischer Sicht dargestellt oder lassen sich die Systemikerinnen und Systemiker von anderen Sichtweisen befruchten?

Der Gedanke der Tagung ist, dass wir eine Begegnung zwischen der systemischen Welt und anderen Ansätzen herstellen, damit die Systemiker_innen schauen, was sie für sich aus der Tagung möglicherweise an einer Erweiterung der systemischen Arbeit nutzen können und wollen.

Worin genau besteht der Zusammenhang zwischen den Themen pränatale Psychologie, Contergan, Sucht?

Das Thema Abhängigkeit ist nach unserer Forschung eines, das eine hohe Relevanz in Familiensystemen hat und oft in der tatsächlichen Wirkung nicht ausreichend verstanden ist. So ist z.B. die Hauptursache für Behinderungen bei neugeborenen Kindern in Deutschland die pränatale Schädigung durch Sucht. Es ist wichtig, in der systemischen Praxis zu wissen, was das genau heißt. Am Beispiel Contergan lässt sich deutlich zeigen, welche Folgen solche Schädigungen haben können, während man den Zusammenhang bei anderen Schädigungen vielleicht nicht so offensichtlich erkennt.

Zum Themenblock Zeitgeschichte: Wo ist da die Klammer für diese unterschiedlichen Themen?

Die Klammer der gesamten Tagung ist, dass wir eine Begegnung zu den Wissensbeständen herstellen wollen, von denen wir glauben, dass diese in der systemischen Beratung, Therapie und Supervision Relevanz haben. Das ist die vorgeburtliche Entwicklung, aber auch der Wirkfaktor der Zeitgeschichte, da sich Leben, die Entwicklung von Familien und die Entwicklung von Generationen immer in Interaktion mit den Faktoren der Zeitgeschichte vollzogen haben. Die Frage, wie die Zeitgeschichte manchmal als übergroßer Wirkfaktor in den Kriegen die Entwicklung von Familien und von Generationen beeinflusst, ist in der Familienkonstruktion hochrelevant, ohne dass wir einen sicheren selbstverständlichen Zugang zu der Wissenschaft der Historien haben. Den wollen wir herstellen, indem wir uns das, was wir in den Familienrekonstruktionen hören, noch einmal genauer erklären lassen. So galt beispielsweise die Flucht- und Vertreibungsbewegung im Kontext des Zweiten Weltkrieges und im ganzen letzten Jahrhundert bislang in der gesamten Menschheitsgeschichte als die größte Menschenbewegung, die es jemals gegeben hatte. Das wird gerade abgelöst durch die aktuellen Fluchtbewegungen, da sind jetzt mehr als 52 Millionen Menschen in Bewegung und damit mehr als am Ende des 2. Weltkrieges.

Die Klammer ist also mehr oder weniger: Was war vor der Therapie oder vor der Beratung?

Die Klammer ist: Welche Themen spielen in Beratung, Coaching und Supervision eine Rolle, die am Rande immer wahrzunehmen sind, die wir uns nur manchmal anschauen. Diese Themen wollen wir in ihrer Bedeutung und in ihrer Wirkkraft deutlicher werden lassen und sie erkennbar machen für die Systemiker_innen.

Diejenigen, die schon lange in diesem Bereich tätig sind, – wozu sollten sie diese Tagung besuchen, haben die nicht schon den Blick für das, was vorher war?

Das weiß ich nicht. Ich kann nur für mich sagen: Ich freue mich auf die Tagung, weil ich mir sehr sicher bin, dass ich Neues lernen werde. Denn es ist uns gelungen, in den einzelnen Themenschwerpunkten maßgebliche Vertreter_innen der Disziplin zu gewinnen.

Es gibt viele Tagungen von Systemiker_innen zur Traumatherapie. Wieso sollten diese Fachleute jetzt zu der Tagung kommen und sich damit beschäftigen?

Es werden Kolleg_innen sprechen, von denen wir glauben, dass sie Wesentliches zu sagen haben. Es geht z.B. um die Wirkung der Traumata aus Sicht der Neurobiologie oder um das nicht genügend beachtete Thema der Traumatisierung von professionell Helfenden. Die Berührung mit Kriegsopfern und Kriegsmigrant_innen bedeutet immer auch, sich dem Trauma dieser Menschen zu stellen, und da taucht die Frage auf, wie können professionelle Helfende sich schützen und wie gehen sie mit Sekundär-Traumatisierung um, die sich manchmal zwangsläufig daraus ergibt. Die Traumapädagogik halten wir für eine wichtige Entwicklung, weil der reflektierte Umgang mit traumatisierten Menschen außerhalb von Traumatherapie genauso bedeutsam ist wie diese selbst. Auch die heilende Kraft der positiven Emotionen und die Bedeutung von Resilienz und viele andere Aspekte werden beleuchtet.

Für wen ist der Themenblock „Systemische Forschung“ konzipiert?

Absolvent_innen, die Abschlussarbeiten in der systemischen Weiterbildung schreiben, und Studierende zeigen ein großes Interesse an Methoden der systemischen Forschung. Allerdings fehlt sicheres Wissen darüber, wie diese Methoden wissenschaftlich begründet angewandt werden können. Wir wollen ihnen mit diesem Schwerpunkt den Kontakt zu Forschenden ermöglichen, die über Methoden der systemischen Forschung gearbeitet haben.

Am Freitagabend gibt es in der Frauenkirche eine Veranstaltung, die sich am Samstag fortsetzt. Was findet da statt?

Wir haben in vielen Familienrekonstruktionen erlebt, wie mächtig die Wirkung der Kriege und politischen Konflikte im letzten Jahrhundert die Entwicklung von Familienkonflikten bestimmt hat, und wir erleben erneut eine Zeit, in der der Krieg immer näher rückt. Nun haben wir auf der einen Seite Wissen über die schlimmen Auswirkungen der Kriege erlangt, auf der anderen Seite aber auch Menschen erlebt, denen es gelungen ist, aus all dem Erlebten etwas Neues zu machen und in einer – wie wir finden, berührenden Art und Weise – das Erlebte verarbeitet haben.

So wird z. B. Thomas Walther, der ehemalige Chefermittler im Demjanjuk-Verfahren, der in diesem Jahr in einem der letzten großen Auschwitz-Prozesse in Lüneburg 15-16 Überlebende als Nebenkläger vertreten hat, darüber sprechen, wie es gelingen kann, das Grauen des 2. Weltkrieges so zu verarbeiten, dass eine neue Begegnung zwischen den Nachfahren von Tätern und Opfern entsteht.

Eine Auschwitz-Überlebende wird in Begleitung ihrer Tochter kommen und berichten, wie es ihr gelungen ist, trotz des Verlustes ihrer Familie und des Erlebens von Auschwitz eine Haltung zu finden, mit der sie wieder Freude am Leben gefunden hat.

Frau Dr. Rudnick aus Lüneburg wird ihre Forschungsergebnisse über die Euthanasieanstalt in Lüneburg darstellen. Sie wird die lebendigen Erinnerungen der Angehörigen an das Erleben von damals schildern und eine Zeitzeugin mitbringen.

Der Dresdener Superintendent während der Wendezeit, Frank Richter, wird erläutern, wie es damals gelungen ist, dass die Wende eine friedliche Revolution geblieben ist, wie sich das Leben danach entwickelt hat und wie er es heute versteht.

Frauen aus Dresden werden über die Folgen des 2. Weltkrieges und der Wende in der Entwicklung von Frauenbiografien berichten.
Robi Friedmann aus Israel wird Thesen über die Entwicklung von Frieden zwischen Israel und Palästina vorstellen.

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